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Zur Festival-Saison – Trend zu Sober-Partys steigt

7. August 2025Allgemein

Spätestens ab Mai gehört zu einer Unterhaltung vor allem junger Menschen in Berlin die Frage: „Und auf welche Festivals fährst Du so?“, zum Small Talk dazu. Von Juni bis September finden rund um Berlin hunderte ein- bis mehrtägige Musikveranstaltungen statt. Während große Festivals wie die Fusion vielen ein Begriff sind, gibt es darüber hinaus unzählige kleinere Festivals. Je nach Musikgenre variiert auch das Konsumverhalten.

Tanz- und Musikliebende machen sich bereit für Open Airs, Raves und durchtanzte Nächte. Für viele gehören dabei Alkohol und der Konsum illegaler Substanzen selbstverständlich dazu. Doch ein wachsender Trend aus der Szene zeigt: Es geht auch anders. Immer mehr Raveliebende entscheiden sich bewusst dafür, nüchtern zu feiern.

Sober-Partys sind keine Askese

Bewegungen wie Tanzen3000 oder die Pyramidparty machen klar: Sober-Partys sind keine Notlösung, sondern ein eigenes Lebensgefühl. Hier geht es nicht um Verzicht oder Moral – sondern um Achtsamkeit, Empowerment und Spaß ohne Absturz. Wieder andere Festivals gestalten einen Teil ihrer Veranstaltung beispielsweise ohne Substanzkonsum und erst in der letzten Nacht darf konsumiert werden.

Feiern ohne Filter – aber mit Tiefgang

Der Wunsch, nüchtern zu feiern, kann viele Motivationen haben: Einige wollen klar bleiben, andere hatten negative Erfahrungen mit Drogen oder haben schlimme Suchtgeschichten in der Familie oder im Freund*innenkreis erlebt. Manche wollen ihre Gesundheit schützen. Wieder andere wollen einfach tanzen – ohne Kater, ohne Kontrollverlust. Sie alle lieben den Rave und wollen mit der Szene verbunden bleiben.

Sober-Partys setzen hier ein starkes Zeichen: Sie zeigen, dass die Party weitergeht – nur eben anders. Vielleicht sogar ehrlicher?

Veranstalter wie Tanzen3000 setzen auf bekannte DJs und Tanzworkshops, bevor die Party startet. Selbst konsumfreudige Partykollektive wie Lunchbox-Candy veranstalten Sober-Editionen ihrer Partyreihe. Auf dem Techno Festival Garbicz, wo viele die Nacht von Freitag bis Sonntag mitnehmen, gibt es mittlerweile einen Sober-Space inmitten des Festivalkosmos, wo Menschen für Workshops, Tanz und Gespräche andocken können.

Zum Trend der Sober-Partys haben wir mit Felix Gebauer vom Mental Rave Network gesprochen.

„Den Trends zu Sober-Partys verfolge ich schon länger. Ich finde auch, dass sowas ganz wichtig ist und ich bin selbst oft gern bei Pyramidparty oder Tanzen3000. Ich finde aber auch andere Formate und Konzepte spannend. Die Soberclubbewegung von Mia Gatow finde ich super. Hier verabreden sich Menschen, die nüchtern feiern gehen wollen und das eben zusammen als Gruppe machen. Diese Bewegung wollen wir dieses Jahr beim Bucht der Träumer* Festival supporten, indem wir einen Raum für Menschen schaffen, die nüchtern raven, sich austauschen und zusammenschließen wollen“.

Somit bekommen nüchterne Formate und damit Einzelpersonen immer mehr Spielfläche in konsumgeprägten Räumen. Sober-Partys unterscheiden sich durch ihre Länge vom Rave. Während Clubs wie das Sisyphos an Himmelfahrt von Donnerstag bis Dienstag nonstop geöffnet haben, ist bei Sober-Veranstaltungen nach ein paar Stunden Schluss. Bei der Pyramidparty wird die Veranstaltung als Co-Creation gesehen, in der die Gäste nicht nur die Party konsumieren, sondern es viel um Interaktion geht. Ben, Veranstalter*in von Pyramidparty, setzt den Slogan „I am the drug“. Das Event startet mit Atem- und Körperübungen. So werden die vielleicht noch müden Körper und Schüchternheit gemeinsam transformiert. Performances und Snacks gehören zu diesen Partys ebenfalls dazu.

Zwischen Szene und Suchtprävention

Viele junge Menschen besuchen jedes Jahr zum ersten Mal ein Festival – und treffen dort auf eine Kultur, in der Exzess oft mit dem Konsum von psychoaktiven Substanzen verknüpft ist. Umso wichtiger ist es, ihnen Alternativen zu zeigen, bevor Konsum zur Gewohnheit oder gar zum Risiko wird. Hier setzen auch Initiativen wie das Mental Rave Network an: Sie bieten nicht nur Beratung und Therapie an, sondern sind oft direkt vor Ort – mitten in der Szene – präsent.

Die Arbeit des Mental Rave Network zeigt: Awareness- und Aufklärungsarbeit funktionieren am besten, wenn Menschen aus der Szene in der Szene angesprochen werden. Felix Gebauer:

„Die Idee zu Mental Rave ist 2014 entstanden, vor etwa 10 Jahren. Da hat sich ein DJ und Veranstaltungskollege suizidiert. Zuvor hatten viele Leute mitbekommen, dass es ihm nicht gut ging und dennoch weiter mit ihm konsumiert und so. [..] Daraufhin habe ich einen Workshop gemacht, beim hedonistischen Weltkongress in Lärz zu dem Thema „Was tun, wenn es jemandem in der Szene nicht gut geht?“ Wir diskutierten Fragen wie „Was können wir machen? Welche Peerinterventionen sind möglich? Wo hört die Einzelverantwortung auf?“. Da war so ein Andrang und so viele Leute hatten Storys, dass ich gemerkt habe, da muss man was machen.“

Gemeinsam mit Carla Ortmann und vielen Therapeut*innen, die Einzel- und Gruppentherapie anbieten, entstand folgend das Mental Rave Network.

„Im Moment konzentrieren wir uns auf die Leute, die eben Kreativarbeit in der Szene machen, ob als Booker*innen, Kurator*innen, Veranstalter*innen oder Artists, weil die eben auch von bestimmten strukturellen Gefährdungen betroffen sind“.

Weiterhin auffällig an der Zielgruppe ist, dass „nur rund 20% der anfragenden Personen Männer [sind]. Das heißt FLINTA* Personen kümmern sich mehr um die eigene mentale Gesundheit. Für Männer ist es nach wie vor in unserer Gesellschaft nicht so akzeptiert, bzw. kriegen sie es einfach nicht so hin. Deshalb war es uns auch wichtig eine Gruppe ausschließlich für Männer zu machen“.

Damit spiegelt sich ein gesellschaftliches Bild und es bleibt wichtig, Männer für (mentale) Gesundheit zu sensibilisieren. Junge Menschen hingegen sind nicht explizit Zielgruppe von Mental Rave, dennoch beobachtet Felix Gebauer:

„Ich nehme auf jeden Fall eine große Veränderung zu den Generationen war, was ihr Bewusstsein für Mental Health angeht. Das sieht man auch daran, dass Sober-Partys eine immer größere Rolle spielen. Das ist aber immer eine Milieufrage. Du findest zum Beispiel jetzt im Hyperpop sehr viele drogenverherrlichende Texte. Es gibt Teilgruppen, die eskapistisch unterwegs sind und andere sind aber viel vorsichtiger als meine oder meine Elterngeneration.“

Es ist wichtig, genau zu schauen: Wann, wie viel, aus welchem Grund und in welcher Szene was konsumiert wird. Nur so können passende Unterstützungsangebote geschaffen werden. Dass es inzwischen auf vielen Festivals rund um Berlin – zum Beispiel durch das Mental Rave Kollektiv oder Eclipse – Infostände und nüchterne Rückzugsorte gibt, ist ein wichtiges Zeichen. Es zeigt jungen Menschen, dass Konsum auch unerwünschte Folgen haben kann und dass es möglich ist, innerhalb der Szene offen über mentale Gesundheit zu sprechen. Gleichzeitig wird deutlich: Es gibt Unterstützung und Anlaufstellen, ohne die Szene verlassen zu müssen, ganz nach dem Mental Rave Motto: We Rave Together – We Heal Together!

Die große Chance in einer breiten und gesicherten Suchtprävention besteht darin zu inspirieren und Räume zu schaffen, in denen (junge) Menschen erleben können, dass Rausch vielfältig sein kann. Exzess ist auch ohne Substanz möglich – durch Musik, authentische Verbindung, Bewegung und Freiheit. Und wenn Menschen sich dazu entscheiden, Drogen zu nehmen, dann ist es wichtig, die potenziellen Schäden zu minimieren. Dazu gehören z.B. Substanzinfos, SaferUse-Beratung und -materialien, achtsame Rahmenbedingungen wie PsyCare und perspektivisch Angebote wie etwa mobiles Drugchecking. Die Suchtprävention kann hierzu einen fachlich wichtigen Beitrag leisten.

Sonja Werner, Fachstelle für Suchtprävention Berlin

Dieser Artikel erschien in einer gekürzten Version in unserem Themenheft.